"Die Fledermaus" authentisch

Johann Strauss
(1825-1899)

Die Fledermaus

Operette in drei Akten. Text von Richard Genée


PERSONEN
Gabriel von Eisenstein, Rentier................................................................
Rosalinde, seine Frau..............................................................................
Adele, deren Stubenmädchen..................................................................
Dr. Falke, Notar.....................................................................................
Dr. Blind, Advokat..................................................................................
Frank, Gefängnisdirektor.........................................................................
Prinz Orlofsky.........................................................................................
Alfred, sein Gesangslehrer.......................................................................
Ivan, Diener des Prinzen..........................................................................
Frosch, Gerichtsdiener.............................................................................
Ida, Adeles Schwester............................................................................
Melanie, Faustine, Felicita, Minni, Sidi.....................................................
Hermine, Natalie, Sabine, Silvia...............................................................
Ali-Bey, ein vornehmer Ägypter..............................................................
Ramusin, japanischer Gesandtschafts-Attaché..........................................
Murray, ein reicher Amerikaner...............................................................
Cariconi, spanischer Spieler.....................................................................
Vier Diener.............................................................................................
Tenor
Sopran
Sopran
Bariton
Tenor
Bariton
Mezzosopran
Tenor
Sprechrolle
Sprechrolle
Sopran
Sopran
Mezzosopran
Tenor
Tenor
Baß
Baß
Tenor

Chor (SSTTB)

Orchesterbesetzung: 2 (Picc), 2, 2, 2 - 4, 2, 3, 0 - Pk, Schlg - Hfe - Str


Die Strauss Edition Wien brachte im Frühjahr 1999 als erste Operette im Rahmen der Neuen Johann Strauss Gesamtausgabe den Band Die Fledermaus heraus. Eine wissenschaftlich-kritische Aufarbeitung dieser Operette war dringend geboten, schließlich handelt es sich um eines der weltweit meistgespielten Stücke dieses Genres.

Das Werk wurde in zwei Bänden publiziert, deren erster den revidierten Notentext abdruckt, inklusive des von Strauss nachkomponierten "Neuen Csárdás". Der zweite Band enthält ein Vorwort zur Entstehungsgeschichte des Werkes, den Revisionsbericht mit allen musikalischen Beispielen und ein vollständiges Textbuch. Im Textbuch-Abschnitt wird das vom Theater an der Wien bei der Zensurbehörde eingereichte Buch dem vom Verlag Lewy noch im selben Jahr publizierten Bühnenexemplar gegenübergestellt. Als kleine Kostprobe sind auch Textbeispiele aus der französischen Vorlage Le Réveillon abgedruckt, um die Entstehung des Fledermaus-Textes zu dokumentieren.

Die Fledermaus ist vielleicht die einzige Operette von Johann Strauss, die nicht ständigen Umarbeitungen unterworfen war. Viele seiner Stücke wurden bereits bald nach der Uraufführung neu textiert, das meisterhafte Textbuch von Richard Genée machte Bearbeitungen überflüssig. Auch war der Operette von Anfang an beispielloser Erfolg beschieden, und spätere Pläne von Strauss, die Musik anläßlich der Übernahme in die Hofoper zu überarbeiten, um sie den schwereren Stimmen anzupassen, sind Gott sei Dank im Sande verlaufen. Wenn die Fledermaus auch unbearbeitet blieb, verhinderte das nicht, daß vieles falsch überliefert wurde. Diese sogenannten "Traditionen" haben sich hartnäckig bis heute erhalten, sogar in den verschiedensten Publikationen.

Die autographe Partitur der Fledermaus ist nicht vollständig erhalten - es fehlen die Finali des 1. und 3. Aktes, die Nummer 1 mit Alfred und Adele und der Chor am Beginn des 2. Aktes. Der Grund dafür ist vermutlich in der Arbeitsweise von Johann Strauss begründet. Er teilte sich die lästige Arbeit der Niederschrift mit dem Textdichter und Kapellmeister Richard Genée, der wiederum die fertigen Nummern an die Kopisten weitergab. In diesem ständigen Hin und Her zwischen Strauss, Genée, dem Theater und den Kopisten müssen einige Teile der Partitur verloren gegangen sein. In den erhaltenen Teilen ist das Autograph aber äußerst präzise notiert und läßt Fehlinterpretationen kaum zu, wenn man mit den Eigenarten der Strauss'schen Notationsweise eingehend vertraut ist. Seine Gewohnheiten, bei aufeinander-folgenden Bläserakkorden keine Bindebögen, sondern nur Ligaturen zu notieren, Staccati oft nur in Oboe oder 1. Klarinette zu setzen und Phrasierungsbögen zwischen Bläsern und Streichern deutlich zu unterscheiden, seien als markante Beispiele hier angeführt. Aber auch der differenziert gesetzten Dynamik und den genau vorgeschriebenen Tempowechseln wurde meist nicht die nötige Beachtung geschenkt. Gerade in den genannten Punkten sind unzählige Mißverständnisse überliefert. Ständige Temporückungen, Ritardandi und Accelerandi, die in keiner Quelle aufscheinen, haben sich beispielsweise in der Szene "Brüderlein und Schwesterlein ..." aus dem 2. Finale eingeschlichen. Wie ausführlich Johann Strauss solche Finessen aber notiert, wenn er sie wünscht, zeigt Rosalindes Csárdás am deutlichsten.

Die größten Fragen werfen natürlich die im Autograph fehlenden Nummern auf. Die Strauss Edition Wien hat in jahrelanger Forschungsarbeit bedeutende, zuvor unbekannte Quellen ans Licht gebracht, die zum Teil ganz außer-ordentliche Aufschlüsse geben. Da ist an erster Stelle eine vollständige Partitur aus dem Archiv des Opernhauses Schwerin zu nennen. Es handelt sich um eine handschriftliche Verlagspartitur, die vermutlich direkt vom Autograph abgeschrieben wurde und seit der Schweriner Erstaufführung im Jahre 1896 dort verwahrt wird. Ebenfalls interessant als Quelle ist eine autographierte Partitur aus dem Privatbesitz von Johann Strauss, die später als Stichvorlage für die vom Verlag Cranz publizierte Partitur diente und sich jetzt im historischen Archiv der Wiener Philharmoniker befindet; zuletzt eine zwar bereits bekannte, aber noch nie berücksichtigte handschriftliche Partitur aus dem Archiv des tschechischen Nationaltheaters in Prag. Das Studium dieser und anderer Partituren hat nicht nur gezeigt, daß die häufig als Basis für Aufführungen und Ausgaben verwendete autographierte Partitur des Verlages Cranz (um 1906) ganz gravierende und nicht auf Johann Strauss zurückzuführende Abweichungen gegenüber dem Original aufweist, es hat sich auch in eindrucksvoller Weise bestätigt, daß die aus den vorhandenen autographen Teilen gewonnenen Erkenntnisse in gleicher Weise auch auf die darin nicht erhaltenen Nummern anzuwenden sind.

Die Neuerungen in der Fledermaus-Partitur der Neuen Johann Strauss Gesamtausgabe beziehen sich vorwiegend auf die Richtigstellung der Phrasierung, der dynamischen Bezeichnungen und der Tempoangaben. Aber auch wesentliche Korrekturen in den Gesangstimmen - auch im Melodieverlauf - und in der Instrumentation konnten auf Grund der neuen Quellenlage vorgenommen werden. Zahlreiche falsch überlieferte Passagen in Gesangs- und Prosatexten konnten richtiggestellt werden. Im Ganzen ergibt sich daraus ein neues Bild dieser Operette, das weniger gerundet erscheint, sondern eher scharfkantige musikalische Konturen aufweist. Die Rückführung auf den autographen Werktext zeigt deutlicher als je zuvor, daß und warum es sich um ein Meisterwerk handelt, von bestechender formaler Einheit, und mit äußerst subtilen Differenzierungen, die sich nun nicht mehr mit übergroßer theatralischer Geste verwischen lassen.

Michael Rot


Die Handlung

Im Wohnzimmer Eisensteins. Alfred gibt ein Liebesständchen für Rosalinde. Adele erhält eine Einladung aufs Fest des Prinzen Orlofsky. Unter dem Absender ihrer Schwester Ida hat ihr Dr. Falke geschrieben. Wütend erscheint Eisenstein samt Rechtsanwalt Dr. Blind; denn er hat statt fünf nunmehr acht Tage Gefängnis abzusitzen. Sein Abschied kommt dem kecken Liebhaber Alfred zupaß, der prompt die Stelle des Hausherrn einnimmt. Mehr ist ihm und Rosalinde nicht vergönnt, weil Gefängnisdirektor Frank auftritt, der Eisenstein persönlich in Gewahrsam bringen will. Um Rosalinde nicht bloßzustellen, läßt sich Alfred für Eisenstein halten und abführen.

Im Gartenpalais des Prinzen Orlofsky geht es übermütig zu, bei Glücksspiel und Wein, Flirt und Tanz. Dr. Falke verspricht dem Gastgeber eine Komödie. Einer nach dem andern tritt auf. Adele als Schauspielerin, Eisenstein als Marquis Renard, Frank als Chevalier Chagrin, Rosalinde als feurige ungarische Gräfin. Erste Runde der Racheaktion: Eisenstein spricht Adele als Zofe an und fällt als Mann von schlechten Sitten auf. Zweite Runde: er befreundet sich just mit Chagrin, dem Chef des Gefängnisses. Dritte Runde: er macht sich an die eigene Frau heran. Die Ausgelassenheit steigert sich heftig. Es schlägt sechs. Eisenstein muß seinen Arrest, Frank seinen Dienst antreten.

Im Gefängnis tappt der angetrunkene Schließer Frosch umher. Frank, nicht minder angeheitert, kehrt zurück. Zwei Damen treten auf. Ida und Adele, welche die Protektion des vorgeblichen Chevalier Chagrin für eine Theaterausbildung sucht. Eisenstein kommt und hat Mühe, Chagrin mit dem Gefängnisdirektor und sich mit sich selbst zu identifizieren. Denn er muß hören, daß ein Herr Eisenstein schon gestern hierhergebracht worden ist. Rosalinde eilt herbei, um Alfred zu befreien und den Gatten zur Rechenschaft zu ziehen. Eisenstein rast vor Eifersucht. Die ganze Champagnergesellschaft erscheint. Alles klärt sich.

Der Champagner ist an allem schuld.