»Benvenuto Cellini«: Drei Fassungen – ein Urtext

Hector Berlioz
(1803-1869)

Benvenuto Cellini
Opéra comique in zwei Akten. Libretto von Auguste Barbíer und Léon de Wailly (Hol. 76)

PERSONEN
Benvenuto Cellini, Goldschmied......................................
Giacomo Balducci, Päpstlicher Schatzmeister..................
Fieramosca, Bildhauer im Dienst des Papstes..................
Le Pape Clément VII (Paris 2, Weimar: Le Cardinal Salviati)..........................................................................
Francesco, Handwerker im Atelier von Cellini.................
Bernardino, Handwerker im Atelier von Cellini................
Pompeo, Mörder...........................................................
Schankwirt.....................................................................
Ein Kellner der Schenke.................................................
Drei Schauspieler für die Pantomime...............................
Zwei Mörder.................................................................
Teresa, Tochter von Balducci.........................................
Ascanio, Lehrling bei Cellini...........................................
Tenor
Baß
Paris: Tenor/Weimar: Bariton

Baß
Tenor
Baß
Paris: Tenor/Weimar: Bariton
Tenor
stumme Rolle
stumme Rollen
stumme Rollen
Sopran
Paris: Sopran/Weimar: Mezzosopran

Chor: Frauen und Kinder, Handwerker, Bürger, Büßer, Mönche und Edelleute

Orchesterbesetzung: 2 (Picc), 2 (Eh), 2 (BKlar), 4 - 4, 4, 2 Pist, 3, 0, Oph - Schlg 3 - 4 Hfe - Str
Bühnenmusik: 2 Gitarren, 2 Trompeten, Tamburine, Becken


Benvenuto Cellini, die erste Oper von Berlioz, ist ein beredtes Beispiel dafür, wie Aufführungen eines Musikwerkes den jeweils herrschenden Bedingungen neu angepaßt werden. Streichungen hier, Hinzufügungen dort, Neueinteilungen der Akte, Uminstrumentierungen oder gar der Austausch einzelner Figuren – auch der 1838 in Paris uraufgeführte Benvenuto Cellini, ursprünglich konzipiert als Opéra comique, ist von derartigen Revisionen nicht verschont geblieben. Aus einer Vielzahl von strukturellen Eingriffen und Änderungen hat die Forschung drei zum Teil höchst unterschiedliche, mit drei Hauptquellen korrespondierende Grundversionen herauskristallisiert. Die ersten beiden Fassungen stammen aus der Pariser Zeit um 1838, während die dritte das »Arbeitsergebnis« späterer Aufführungen in Weimar darstellt. Musik und Handlung präsentieren sich dabei in durchaus unterschiedlichen Ausmaßen und Varianten. Glücklicherweise bietet ein solcher Umstand jedoch stets die ideale Gelegenheit, sich einen wesentlich komplexeren Einblick in die Materie verschaffen zu können, als dies bei nur einer einzigen »Oberfläche« möglich ist: Zeit- und Aufführungsgeschichte, künstlerisch-ästhetische Ideale gegenüber Publikumserwartungen oder vorherrschenden politischen Meinungen – diese und andere Komponenten spiegeln sich facettenartig in den drei Fassungen des Benvenuto Cellini wider.

Erleichterung für einen unproblematischen Vergleich zwischen den jeweiligen Aufführungsversionen, vor allem aber für die für die Benutzer durchaus kritische Auswahlmöglichkeit einer einzelnen oder gemischten Fassung, bietet dabei ein sehr praktikables Zugriffssystem auf das vorhandene Material. In der im Jahre 1994 im Rahmen der »New Edition of the Complete Works« erschienenen ersten vollständigen Ausgabe der Oper entwickelte der Herausgeber Hugh Macdonald in Zusammenarbeit mit dem Bärenreiter-Verlag ein neuartiges System, welches die Integration aller drei Fassungen innerhalb einer einzigen Ausgabe ermöglicht. Dieses Verfahren ist nun auch in das Aufführungsmaterial übernommen worden. Alternativ-Versionen werden in Partitur wie Klavierauszug an der Stelle abgedruckt, an der sie im Verlauf des Werkes stehen, so daß nacheinander entstandene Fassungen derselben Passage oder Szene auch nacheinander erscheinen. Stets bleibt dabei die Zugehörigkeit zur jeweiligen Version nachvollziehbar. Orientierungsangaben und Verweise oberhalb des Notentextes zeigen an, in welcher Fassung man sich gerade befindet, wo Überschneidungen einzelner Versionen stattfinden oder wo man einzelne Passagen zu überspringen hat. Ermöglicht wird so nicht nur eine vollständige Erfassung und Aufschlüsselung der komplizierten Quellenlage, sondern auch eine dem Werk gegenüber verantwortungsvolle und angemessene Aufführungspraxis.

Die drei Fassungen der Ausgabe werden – dem Ort ihrer Aufführungen entsprechend – mit »Paris 1«, »Paris 2« und »Weimar« bezeichnet. »Paris 1«, die »Urfassung«, bringt das Werk in seiner ältesten überlieferten Schicht – so wie es Anfang 1838 von Berlioz der Opéra vorgelegt wurde. Für die dortige Aufführung waren allerdings umfangreiche Revisionen erforderlich, da die ursprüngliche »Opéra-comique-Struktur« des Librettos nun der größeren Bühne angepaßt werden mußte. Weitere Korrekturen ergaben sich im Anschluß an die nicht sehr erfolgreiche Uraufführung vom 10. September 1838 sowie nach den wenigen noch folgenden Vorstellungen. All diese aus Proben und Aufführungen hervorgehenden Überarbeitungen, vereinigt in einer handschriftlichen Dirigierpartitur, dienen als Grundlage für die Fassung »Paris 2«. 1851, nach einer über zehnjährigen Pause, riskierte Franz Liszt eine Wiederbelebung des Cellini. Vorabrevisionen durch Berlioz, vor allem aber massive Kürzungen und andere strukturelle Eingriffe sowie das Zurückdrängen der burlesken Elemente prägen die »Weimarer Fassung«, deren Erstaufführung von 1852 ein großer Erfolg wurde. Die »Weimarer Fassung« war es auch, die für ein ganzes Jahrhundert das weitere Schicksal der Oper bestimmte. In den 1880er Jahren erfolgten mehrere Aufführungen in Deutschland, nach der Jahrhundertwende jedoch verschwand der Cellini fast völlig von den Spielplänen. 1966 versuchte man in Covent Garden in London eine Rekonstruktion der mutmaßlichen Pariser »Urfassung«, in der die Lisztschen Streichungen wieder rückgängig gemacht wurden und die auch die Grundlage der bisher einzigen Einspielung des Werkes durch Sir Colin Davis (1972) bildet.

Die Ausgabe des Klavierauszuges wird überdies um ein separates Beiheft mit deutscher und englischer Übersetzung des Librettos ergänzt. In Anlehnung an das Verfahren beim Notentext sind auch hier – innerhalb des fortlaufenden Textes – drei verschiedene Lesarten entsprechend der jeweiligen Fassung möglich.

Mit der Herausgabe des Aufführungsmaterials aller drei Hauptfassungen nach dem Urtext der New Berlioz Edition kann die Gesamtüberlieferung der Oper Benvenuto Cellini nun nachvollzogen werden, womit die Basis dafür gelegt wird, der Oper wieder den ihr gebührenden Platz auf den Bühnen der Welt zu verschaffen.

Katharina Harde-Tinnefeld

Die Handlung

Rom, Rosenmontag bis Aschermittwoch 1532. Papst Clemens VII. beauftragt den Bildhauer Benvenuto Cellini, eine Perseus-Statue zu gießen. Der päpstliche Schatzmeister Balducci ist darüber verbittert, denn der offizielle päpstliche Bildhauer Fieramosca ist übergangen worden: Gerade ihn aber möchte Balducci mit seiner Tochter Teresa verheiraten, die wiederum nicht Fieramosca, sondern Cellini liebt. Von Fieramosca belauscht, plant Cellini Teresas Entführung. Den Karneval nutzend, will er sich am Abend des Fastnachtdienstags als Büßermönch verkleiden, während Balducci – in Begleitung Teresas – durch den Besuch einer Oper abgelenkt ist.

Cellini, der die Statue am folgenden Tag fertigstellen soll, erhält dafür eine Anzahlung des Papstes. Aus Wut über den Geiz des Schatzmeisters beschließen Cellini und seine Freunde, Balducci einen Streich zu spielen: In der satirischen Oper, die dieser besucht, soll als komische Figur ein Doppelgänger Balduccis auftreten. Auch dies wird von Cellinis Nebenbuhler Fieramosca mitgehört. Gemeinsam mit seinem Freund Pompeo beschließt er, sich ebenfalls als Mönch zu verkleiden und so Cellini in seiner Entführungstaktik zuvorzukommen. Im Tumult der Aufführung, während der der erboste Balducci sein Gegenbild auf der Bühne verprügelt, ersticht Cellini Pompeo in einem Degengefecht. Während Fieramosca versehentlich arretiert wird, kann Cellini entkommen. Als Mörder gesucht, beschließt er mit Teresa die Flucht – ohne die Statue zu vollenden.

Noch ehe die Flucht gelingt, erscheinen Fieramosca und Balducci. Dieser beschuldigt Cellini des Mordes und verlangt seine Tochter zurück. Im Wortgefecht der beiden erscheint der Papst und reagiert erzürnt über die noch unfertige Statue. Balducci unterrichtet ihn von Cellinis Taten, mit der Folge, daß dieser verzweifelt das Modell der Statue zerstören will. Daraufhin verspricht der Papst Cellini nicht nur die Freiheit, sondern auch die Hand Teresas, wenn er bis zum Abend des Aschermittwochs die Statue vollendet. Dies gelingt Cellini unter großer Anstrengung. Der Papst erkennt göttliches Walten, vergibt Cellini und reicht ihm die Hand Teresas.