06.11.2013 14:16

Gluck-Jubiläum 2014

Christoph Willibald Gluck hat  für Kaiserin Maria Theresia eine besondere Fassung seines Orfeo geschrieben. Diese „Parma-Fassung“ erscheint nun erstmals im Druck.

Im Jahr 1768 wurde der 54-jährige Gluck zum letzten Mal von der Kaiserin Maria Theresia gebeten, ein Familienfest mit einem eigens dafür komponierten Bühnenwerk auszustatten. Anlass dafür war die Hochzeit ihrer Tochter, der Erzherzogin Maria Amalia, mit dem Infanten Ferdinand von Spanien in Parma im darauffolgenden Jahr. Gluck nahm den Auftrag an und komponierte Le feste d‘Apollo, ein Werk, das aus mehreren Einaktern besteht, die allegorisch auf die Hochzeitsfeierlichkeiten Bezug nehmen. Auf einen Prologo zu Beginn folgen drei thematisch unabhängige Akte pastoralen Charakters, der Atto di Bauci e Filemone, der Atto d‘Aristeo und der abschließende Atto d‘Orfeo. Die vierteilige Festoper wurde während der Hochzeitsfeierlichkeiten aber nicht in ihrer Gesamtheit aufgeführt. Am Premierenabend, dem 24. August 1769, dem Tag des Einzugs von Maria Amalia und Ferdinand in Parma, stand lediglich der Atto d’Orfeo auf dem Programm. Dieser ist eine Neufassung von Glucks Azione teatrale per musica in drei Akten Orfeo ed Euridice, die 1762 in Wien uraufgeführt worden war. Mit diesem Werk hatte Gluck seine Opernreform begründet und auch heute noch zählt der Orfeo, den Gluck 1774 für Paris ein weiteres Mal umgearbeitet hat, zu seinen bekanntesten Werken. 

Auch wenn Gluck die Wiener Urfassung bis auf das Schlussballett und ohne Akteinteilung für die Festoper in Parma übernommen hat, musste er das Werk an die dortigen Gegebenheiten anpassen. Denn in Parma standen ihm nicht nur Sänger mit anderen Stimmlagen sondern auch ein Orchester mit anderen Instrumenten zur Verfügung. Die entscheidende Änderung, die Gluck vornehmen musste, war die Transposition der Titelrolle. Während der Orfeo in Wien von dem damaligen Star-Altkastraten Gaetano Guadagni gesungen wurde, übernahm diese Partie in Parma der ebenso bekannte Soprankastrat Giuseppe Millico. Dessen höhere Stimmlage erforderte, dass die Arien und Rezitative des Orfeo nach oben transponiert wurden: Statt eines Ambitus von a bis e‘‘ in der Wiener Fassung bewegt sich die Stimme in der Parma-Fassung zwischen d‘ und a‘‘. Durch die Transponierung steht beispielsweise Orfeos Arie „Che farò“ in der Sopranfassung in Es-Dur statt in C-Dur. Für Millico hat Gluck Orfeos Arie „Deh placatevi con me“ gegen Ende darüber hinaus mit einer kleinen Koloratur versehen. Der Orchestersatz musste im Übrigen dem an Bläsern ärmeren Orchester in Parma angepasst werden. Dort fehlten Zinke, Posaunen, Chalumeaux und Englischhörner; zur Verfügung standen zwei Flöten, zwei Oboen, drei Fagotte, zwei Hörner und zwei Trompeten. In Orfeos Arie „Piango il mio ben così“ fehlen die Englischhörner daher und der Chalumeaux-Part im Echo wird durch die Flöte ersetzt. Im Trauerchor „Ah, se intorno“ in der ersten Szene werden statt der fehlenden Zinke und Posaunen Oboen und Hörner eingesetzt. Eine entscheidende Veränderung in der Parma-Fassung ist auch die Transposition der Chorwiederholung von c-Moll nach d-Moll, denn damit wird die feste Tonartenkonstellation c-Moll der Wiener Fassung aufgegeben. Aufgrund einer Besoldungsliste wissen wir, dass das Orchester in Parma außer den Bläsern aus zehn Violinen, vier Violen, einem Violoncello und drei Kontrabässen sowie einer Pauke bestand. Auch wenn eine Harfe nicht ausdrücklich erwähnt wird, ist denkbar, dass ein Mitglied der königlichen Familie Harfe gespielt hat oder stattdessen ein Cembalo benutzt wurde. 

Die Noten der gesamten Festoper, d. h. Partitur und Stimmenmaterial, sind niemals im Druck erschienen und nur in zeitgenössischen Handschriften überliefert. Im Rahmen der Gluck-Gesamtausgabe wird derzeit eine wissenschaftlich-kritische Edition der Oper erarbeitet. Zum Gluck-Jahr 2014 werden Partitur und Stimmenmaterial des Atto d’Orfeo rechtzeitig in einer Vorabversion vorliegen, so dass die Sopran-Fassung des Werkes 245 Jahre nach der Uraufführung zum ersten Mal wieder zu hören sein wird.      

Gabriele Buschmeier(aus [t]akte 2/2013)