22.10.2015 15:24

Unermesslicher Raum. Beat Furrer bei den „Salzburg Dialogen“

Bei den „Salzburg Dialogen“ ist Beat Furrer in diesem Jahr mit seinen Werken in vier Konzerten vertreten: spazio immergente für Sopran und Posaune wird in diesem Rahmen von Golda Schultz und Mike Svoboda am 28. November uraufgeführt, eine vielschichtige Vertonung von Lukrez-Texten. Zudem erklingen unter anderem Spur für Streichquartett und Klavier, Chorstücke aus dem Enigma-Zyklus sowie sein Ensemblewerk linea dell’orizzonte mit dem Klangforum Wien unter Furrers Leitung. Diese Komposition ist in diesem Herbst vielfach zu erleben: Von Shanghai bis in die USA, gespielt vom Ensemble intercontemporain, dem Ensemble Phace Contemporary und dem Klangforum Wien, das in Huddersfield die Britische Erstaufführung präsentieren wird.Einen Text von visionärer Weite führt Beat Furrers spazio immergente für Sopran und Posaune in verschiedene klangliche Räume – mit Stimme, Sprache, Atem. Grundlage dieses Dialogs zwischen Posaune und Sopran sind Lukrez‘ verblüffende Überlegungen über die Erscheinungen und Gründe des Seins, die er in der Abhandlung De rerum natura (Über die Natur der Dinge) im Jahrhundert vor der Zeitenwende im kunstvollen Versmaß verfasste. Nichts weniger als eine Vision der Entgrenzung und Apokalypse enthalten die acht Verse und sind für Beat Furrer Ausgangspunkt für ein klangliches Auffächern in verschiedene Räume. Ein dichtes Ineinander verschiedener dynamischer Prozesse am Beginn, modulierende Klangfarben und vokalartige Färbungen in der Posaune erzeugen eine virtuose Mehrstimmigkeit. Im vierten der fünf, ansonsten lateinisch gesungenen Teile, gewinnt der Text plötzlich eine besondere Gegenwärtigkeit – er wird in deutscher Sprache, von beiden Interpreten quasi gesprochen: „... dass nicht wie Flammen die Mauern des Weltalls plötzlich entflieh‘n  in‘s unermessliche Leere, … und nichts, kein Rest mehr bleibt – verlassener Raum.“

Marie Luise Maintz
(aus: [t]akte 2 / 2015]