02.12.2015 13:57

Matthias Pintschers „idyll for orchestra“ in Schottland

Als ein helles, lichtes Bild von einem Sehnsuchtsort hatte Matthias Pintscher sein Orchesterwerk idyll beschrieben. Die Komposition erfährt nun ihre britische Erstaufführung am 3. Dezember 2015 in Glasgow mit dem BBC Scottish Symphony Orchestra unter Leitung des Komponisten. Zahlreiche Erstaufführungen sind von Pintschers Werken in diesem Herbst zu hören. In den Niederlanden wird bereshit vom Ensemble intercontemporain, in den USA werden sein Zyklus Profiles of Light (Now I und II für Klavier und Violoncello) sowie beyond (a system of passing) for flute als Erstaufführungen gespielt. Sarah Maria Sun und Jan Philipp Schultze interpretieren seine Lieder und Schneebilder erstmals in Spanien, am 15. Dezember 2015 in Bilbao.

Ein Idyll, ein helles, lichtes Bild von einem Sehnsuchtsort, hat Matthias Pintscher für das Cleveland Orchestra komponiert. Eine Komposition, die sich Raum und Zeit nimmt, um Musik schwingen zu lassen. „Es geht in dem Stück um das Atmen von Resonanzen, um das Verklingen – mit der ganzen Sehnsucht, die damit verbunden ist. Jeder Ton stirbt, weil er an den Atem gebunden ist, und dann muss man neu einatmen. Das ist das Thema dieses Stücks.“ Die Komposition ist eine Art „Tombeau“ für eine kürzlich verstorbene Mentorin und Freundin. In seinem Orchesterwerk baut Matthias Pintscher einen „Altar“ um eine Klavierkomposition herum, die er 2004 zu deren 80. Geburtstag komponiert hat: on a clear day zeichnet mit fragilen, filigranen Zeichen horizontale Achsen um einen zentralen Ton, das Es. Dieser Horizont, eine zeichnerische Perspektive, die aus Intervallen, Harmonien und auch der klanglichen Aura des gläsernen Klavierklangs entsteht, „ist der Ursprung für einen viel größeren orchestralen Raum, den ich um dieses Klavierstück gebaut habe“, so Matthias Pintscher, „das heißt, das Orchester beschreibt einen ähnlichen Raum wie das Klavierstück. Es entsteht eine Musik von großer Helligkeit und Leichtigkeit, von Perspektive und Hoffnung getragen. Wie in dem Traum, ein Vogel oder schwerelos zu sein, geht es um die Sehnsucht nach Leichtigkeit, um Visionen von Licht, Inspiration und klaren Formen.“

In einer sehr feinen, durchsichtigen Farbigkeit wird den Orchesterstimmen Raum gegeben, Fäden zu spinnen. Immer wieder durchziehen Soli den Satz, die von sorgsam abgemischten Klangfeldern schattiert werden, in einer Entwicklung, die schreitend auf den „Coup“ des solistisch auftretenden Klaviers zuführt. Wie in einem Bild, das aus der Entfernung betrachtet wird, beschreibt Idyll ein Wandern auf einen hellen imaginären Ort zu, „als ob wir durch den Garten der Erinnerung schreiten, wo man scheinbar an eine Lichtung kommt, von dieser aber wieder austritt und einen anderen Pfad einschlägt. Das Orchester beschreibt einen großen Klanghorizont mit inneren emotionalen Landschaften, die ihn konturieren.“ Doch für die Vision des Hellen braucht es die Erfahrung der Dunkelheit. Unter dem großen, lichten Gebäude aus durchsichtig schönem und transparentem Klang liegt ein Raum der Dunkelheit, der Traurigkeit, des Schattens. 

Marie Luise Maintz
(aus t]akte 2/2014]