24.05.2017 13:05

„Lotario“, „Jephtha“ und „Esther“: Händel in Göttingen und Halle

Extra für die Erstaufführung in Halle wurde innerhalb der Hallischen Händel-Ausgabe die Neuausgabe des Oratoriums Esther in seiner opulent besetzten zweiten Fassung von 1732 fertiggestellt. Nach ihr musizieren am 3. Juni in der Georg-Friedrich-Händel-Halle renommierte Solisten, der Chor der Capella Cracoviensis sowie das italienische Instrumentalensemble La Risonanza unter der Leitung von Fabio Bonizzoni.

Die spannende alttestamentliche Geschichte der Königin Esther haben Händel und sein Librettist Samuel Humphreys zu einem nicht minder spannenden, an Höhepunkten reichen Oratorium geformt. Esther ist nun im Urtext der HHA erhältlich. 1718 begann Händel mit der Komposition seines ersten englischen Oratoriums Esther HWV 50a. Er hatte die biblische Gestalt Esther aus dem gleichnamigen Buch des Alten Testaments zum Gegenstand gewählt. Das Libretto in sechs Szenen basiert auf Esther, or Faith Triumphant. A sacred tragedy von Thomas Brereton (Oxford 1715), das wiederum auf die Tragödie Esther von Jean Racine (1718) zurückgeht. Spätestens 1720 wurde das Werk im privaten Kreis in Cannons aufgeführt, danach erst wieder Anfang 1732 unter Bernard Gates. Vielleicht war es diese Aufführung, die Händel inspirierte, Esther zu überarbeiten (HWV 50b). Esther ist die Gemahlin des persischen Königs Assuerus. Sie ist sehr schön, und sie hat ihre jüdische Herkunft auf Geheiß ihres Pflegevaters Mordecai verschwiegen. Mordecai wird Zeuge, wie zwei Türhüter ein Mordkomplott gegen Assuerus schmieden und lässt ihn durch Esther warnen. Assuerus erhebt Haman zum mächtigsten Mann nach dem König, und alle Fürsten müssen vor ihm niederknien. Weil er ein Jude ist, weigert sich Mordecai, diesem Befehl zu folgen. Daraufhin erwirkt Haman ein Gesetz zur Vernichtung aller Juden. Diese klagen, und Mordecai gebietet Esther, beim König für ihr Volk einzutreten. Wer jedoch ungerufen zum König geht, muss laut Gesetz sterben, es sei denn, der König streckt das goldene Zepter gegen ihn aus. Mordecai antwortet auf Esthers Einwand, sie solle nicht glauben, als einzige aller Juden ihr Leben retten zu können. Darauf entschließt sie sich, zum König zu gehen. Sie findet Gnade und lädt Assuerus und Haman zum Mahl ein. Esther bittet für ihr Leben und das ihres Volkes. Haman wird entlarvt und fleht Esther vergeblich um sein Leben an. Er wird gehängt, Mordecai hingegen für sein Verdienst geehrt und an Hamans Stelle gesetzt. Am Schluss preisen alle Gott für ihre Rettung. Samuel Humphreys fertigte ein neues Libretto an. Er übernahm einen großen Teil des Textes, stellte eine in die Handlung einführende Szene voran und formte daraus drei Akte, die dem Handlungsschema einer Oper entsprachen. Händel komponierte neue Musik, doch eine Überarbeitung wäre ohnehin nötig gewesen, weil er in London ein anderes Ensemble zur Verfügung hatte. Außerdem sah er eine Möglichkeit, die Coronation Anthems von 1727 wiederzuverwenden. Er schrieb die meisten neu komponierten Sätze an das Ende des Autographs, hinzu kamen Anweisungen für den Kopisten, was in die Direktionspartitur eingefügt werden soll. In Esther findet man u. a. musikalisches Material aus dem Oratorium La Resurrezione, der Motette Silete venti, der Ode Eternal source of light divine und besonders aus der Brockes-Passion. Letztere lieferte Musik für dramatische Höhepunkte wie das Duett zwischen Esther und Assuerus „Who calls my parting soul from death“ und Hamans Arie „Turn not, O Queen, thy face away“. Esther ist eines der vier Oratorien, in denen Händel eine Harfe besetzte. Im Chorus „He comes“ spielen zwei Hörner mit. Der Schlusschor „The Lord our enemy has slain“ knüpft an die Art von Purcells Verse Anthems an. Voll besetzte Chor- und Orchesterabschnitte mit Pauken und Trompeten (und gelegentlich hervortretender Solo-Trompete) wechseln sich hier mit langen vom Continuo begleiteten Sopran-Soli ab. Knapp zwei Wochen vor der Aufführung wurde am 19. April 1732 angezeigt, dass es keine Bühnenaktion geben würde, das Haus werde jedoch für das Publikum dekoriert, und die Musiker würden wie beim Krönungsgottesdienst angeordnet. Händel führte Esther in verschiedenen Spielzeiten auf. Deshalb wurde die Direktionspartitur ständig angepasst, viele Blätter ersetzt, und große Teile des Urbestandes fehlen heute. Die noch erhaltenen Teile der Ur-Direktionspartitur enthalten zahlreiche Einträge für die verschiedenen Aufführungen, und so bietet sich dem Herausgeber ein kompliziertes Puzzle. Chrysander fand es zu Recht sehr schwer, eine ordentliche Werkfassung zu erstellen. Es ist ihm nicht gelungen, die Form der ersten Aufführung zu erschließen. In der Hallischen-Händel-Ausgabe liegt jetzt als Vorabpartitur die Fassung der Uraufführung vom 2. Mai 1732 im King’s Theatre am Haymarket vor, erstellt auf der Grundlage eines umfassenden Quellenstudiums. Der vollständige HHA-Band, mit sämtlichen Anhängen und ausführlichen Textteilen, befindet sich in Vorbereitung.