04.06.2014 16:00

Franz Schuberts „Fierabras“ in Salzburg

Aufführungen von Franz Schuberts bedeutendster Oper sind nach wie vor rar. Umso bemerkenswerter ist das Vorhaben der diesjährigen Salzburger Festspiele, Fierabras in einer exemplarischen Produktion erneut zur Diskussion zu stellen. Es inszeniert Peter Stein, am Pult steht Ingo Metzmacher. Auf den Pulten der Musiker der Wiener Philharmoniker wird das Aufführungsmaterial nach der Neuen Schubert-Ausgabe liegen, das der Bärenreiter-Verlag extra für diese Produktion erstellt hat. Premiere im Haus für Mozart ist am 13. August.

Die „heroisch-romantische“ Oper Fierabras entstand 1823 als Schuberts letztes großes Bühnenwerk. Drei Jahre lang hatte er versucht, mit einem Opernerfolg zu reüssieren. 1820 hatten seine Schauspielmusik Die Zauberharfe und der Einakter Die Zwillingsbrüder in Wien auf ihn aufmerksam gemacht, Befürworter der deutschen Oper ermunterten ihn zu einer großen Oper. Alfonso und Estrella wurde zwar nicht angenommen, aber am 11. Oktober 1823 berichtete die Wiener Allgemeine Theaterzeitung, in Kürze werde „die erste große Oper von dem vielversprechenden Schubert ... Fierobras nach Calderon“ erscheinen. Diese Hoffnung war durchaus berechtigt, hatte doch Josef Kupelwieser, der Sekretär des Kärntnertortheaters, selbst das Libretto nach einer mittelalterlichen Sage verfasst. 

Kupelwiesers Dramaturgie folgt dem Modell der damals beliebten französischen „Rettungsoper“: Viel Handlung findet auf und hinter der Bühne statt und kulminiert in großen Tableaux. Große Märsche und Chöre umrahmen mit Pomp und Zier Aufzüge, Siegesfeiern und Gerichtsszenen; Fanfaren und Trommelwirbel untermalen das Schlachtgetümmel zwischen Mauren und Christen. Dabei kommt in Schuberts Musik unter französischem Gewand viel Italianità zum Vorschein, so im rossinischen Parlando des Verfolgerchors Nr. 8 oder im Friedensjubel von Nr. 11, der in eine rasante Stretta mündet. Wie die meisten deutschen Opern seiner Zeit ist Fierabras eine Nummernoper mit gesprochenem Dialog. Beide Autoren bemühten sich aber um einen fließenden Übergang zwischen Sprache und Musik. So gehören Rolands Bericht von der Schlacht im Ensemble Nr. 4 wie Florindas Melodramen im zweiten Akt zu den packendsten Szenen der Oper. 

Individuelles Lieben und Leiden der Hauptfiguren wird nach französischem Muster immer mit dem kollektiven Schicksal verknüpft. Ritter Roland liebt die Maurenprinzessin Florinda, der Muslim Fierabras die christliche Königstochter Emma, die sich ohne Erlaubnis ihres Vaters mit dem Knappen Eginhard verlobt. Roland will nicht mehr kämpfen, sondern Frieden schließen, Florinda verrät ihre Herkunft, um den Feind zu retten, Fierabras konvertiert zum Christentum, weil er die Barbarei seines Vaters verachtet. 

Dass Politik auf Versöhnung und Toleranz, gesellschaftliches Ansehen auf Leistung und Verdienst basieren sollte, Ehen aus Liebe geschlossen und Frauen nicht zu untätigem Gehorsam verurteilt werden: Kupelwieser thematisierte viele Ideale und politische Ziele der jungen Generation im frühen 19. Jahrhundert und brachte sie unter dem Deckmantel einer mittelalterlichen Rittergeschichte durch die Zensur. 

Es sind diese Töne und die experimentelle Vielfalt der szenischen Gestaltung, mit denen Fierabras einen beachtlichen Beitrag zum Genre der deutschen Oper hätte leisten können. Nicht wegen mangelnder Bühnentauglichkeit, sondern allein aufgrund misslicher Umstände am Kärntnertortheater kam Fierabras im Herbst 1823 doch nicht zur Aufführung. Erst 1897 wurde Fierabras endlich uraufgeführt. Seit ihrer Wiederentdeckung in den 1980er Jahren zeigt sich jedoch, dass Schuberts Oper Fierabras auf der Bühne große Wirkung zu entfalten vermag.    

Christine Martin(aus [t]akte 1/2014)