21.04.2016 16:35

Francesco Cavallis „Veremonda“ bei den Schwetzinger Festspielen

Bei ihrer Suche nach barocken Raritäten sind die Schwetzinger Festspiele bei Francesco Cavalli fündig geworden, dessen mit Exotismen spielende Oper Veremonda, L’Amazzone di Aragona bisher nicht in Deutschland aufgeführt wurde. Auf der Basis der bei Bärenreiter erschienenen kritischen Neuausgabe von Wendy Heller (Opere di Franceso Cavalli) spielt Concerto Köln unter der Leitung des argentinischen Alte-Musik-Spezialisten Gabriel Garrido. Amélie Niermeyer führt Regie in dieser Koproduktion mit dem Staatstheater Mainz. Premiere in Schwetzingen ist am 29. April, Mainz folgt am 20. Juni 2016.

Die Straße von Gibraltar im Mondschein … Während ihre treue Zofe vorgibt, in der Nähe Fische zu fangen, wartet die Maurenkönigin Zelemina auf ihren Liebhaber Delio, den General der spanischen Armee. Delio führt Krieg gegen Zeleminas Volk, und am Ende der Oper wird seine Armee siegreich sein, was sich im Wesentlichen dem Einsatz der Königin Veremonda und ihrer Amazonenschar verdankt. Denn diese haben die Mauren bekämpft, während sich König Alfonso lieber seinen astrologischen Studien zuwandte. All das ist die exotische Kulisse für eine von Cavallis bemerkenswertesten Opern, die auch deshalb einzigartig unter seinen Werken ist, da sie mehr von historischen Ereignissen aus dem Mittelalter als von den damals eher üblichen Sagen des Altertums inspiriert wurde. Wenn Königin Zelemina mit anrührendem Gesang bekundet, zum Christentum konvertieren zu wollen, und dabei von einem Paar Gamben begleitet wird, das einen beschwörenden Schleier aus Tönen webt, erkennt das Publikum schnell, dass die religiösen Konflikte, mit denen diese Oper umgeht, im Venedig und Neapel des 17. Jahrhunderts ähnlich aktuell waren, wie sie es heute sind.

Tatsächlich bietet keine andere Cavalli-Oper derart viele Geheimnisse und Besonderheiten wie Veremonda, l’Amazzone di Aragona (1652). Zwei verschiedene Libretti existieren davon, das eine wurde in Neapel, das andere in Venedig gedruckt; doch noch immer wird darüber gestritten, ob die Erstaufführung nun im Januar 1652 in Venedig oder in Neapel im Dezember desselben Jahres stattfand. Auf eine Erstaufführung in Venedig deuten Hinweise in der einzigen erhaltenen Partiturhandschrift, die sich heute in der Biblioteca Marciana befindet, doch einen Beweis dafür gibt es nicht. Für die Aufführung in Neapel im Dezember 1652 gibt es im Gegensatz dazu sichere schriftliche Belege. Auch der Name des Librettisten gibt Rätsel auf. Auf dem Titelblatt wird er als Luigi Zorzisto benannt, was in Wahrheit ein Anagramm für den venezianischen Dichter Giulio Strozzi ist, der im März 1652 plötzlich verstarb. Warum sollte es anschließend notwendig oder wünschenswert gewesen sein, Strozzis Identität zu verschleiern? 

Ein drittes Rätsel betrifft die Vorgeschichte des Librettos, handelt sich doch nicht um ein neu gedichtetes Textbuch, sondern vielmehr um eine stark überarbeitete Version von Giacinto Cicogninis Celio, das 1646 in Florenz mit Musik von Bacio Baglioni seine Uraufführung erlebte. Doch während Celio auf sehr ernüchternde und ernsthafte Weise von grundlegenden Moralvorstellungen und theologische Fragen handelt, gibt sich Veremonda spielerisch, respektlos und ist voll von jener Erotik, die so gern mit Venedig und dem Karneval verbunden wird. Und was ist mit der unordentlich verfassten Musikhandschrift? Sie enthält so viele Korrekturen, Überklebungen und unleserliche Passagen, dass sich der Herausgeber einer beachtlichen Herausforderung gegenübersah. Die musikalischen und dramatischen Schätze, die das Werk birgt, sind jedoch die Anstrengungen mehr als wert, dieses Meisterwerk wieder zum Leben zu erwecken. Die Balance zwischen Arie und Rezitativ – Handlung und Reflexion – ist in diesem Werk nahezu perfekt ausgewogen. Zudem ist die Oper voll von sinnlichen Liebesduetten, wie etwa jenem mit Zelemina (Sopran) und Delio (Alt) zu Beginn des dritten Akts. Die Partitur dieses Duetts, die außer den Sängern auch zwei Gamben und Basso continuo umfasst, weist Cavallis komplexeste Form des kontrapunktischen Komponierens auf: Die Stimmen von Sängern und Gamben werden kunstvoll verflochten und erzeugen dabei scharfe Dissonanzen; verzögerte Auflösungen und ausgreifende Melodielinien stehen dagegen plastisch für die Leidenschaft der Liebenden. 

Ähnlich wie im Fall von Monteverdis bekannten Madrigali guerrieri et amorosi hatte Cavalli mit Veremonda die Gelegenheit, Liebe und Krieg einander gegenüberzustellen. Wir hören Kanonen in der Art eines Madrigaltrios, und wenn Veremondas Amazonen das Theater angreifen, während Zelemina und ihr Volk das maurische Stierfest feiern, wird die Stimme der Königin vom eindringlichen Kriegslärm des Orchesters so gut wie verschluckt. Veremonda – voller Humor, Erotik, prachtvoller Musik und Möglichkeiten für eine extravagante szenische Darstellung – ist außerdem eines der wenigen Werke seiner Epoche, das die Spannungen zwischen Ost und West auf eine ausgesprochen moderne Art und Weise thematisiert. Gewiss ist es an der Zeit, dass Veremonda seinen Platz auf der Bühne zurückgewinnt.    

Wendy Heller
(Übersetzung: Felix Werthschulte)
(aus [t]akte 1/2016)