24.05.2017 12:40

Die Suche nach der „besten“ Kunst: Jean Barraqués „Melos“ in Köln

 Das Szenario von Marie-Laure de Noailles erzählt die Suche eines jungen Mannes nach der idealen Kunst – was unschwer auf die Situation des jungen Komponisten zu übertragen ist – und mündet in eine Apotheose der Musik. Zu erleben ist die Rekonstruktion der unvollendeten Orchestrierung von Laurent Feneyrou, Aurélien Maestracci und Frédéric Durieux am 24. Juni 2017 im Rahmen der „Musik der Zeit“ im Kölner Funkhaus des WDR.

Olivier Messiaen bewunderte ihn für die „noble Art seiner Kunst und seines Denkens“: Nun liegt die Edition von zwei unveröffentlichten Werken Jean Barraqués vor, die aus den Archiven der Association Jean Barraqué bzw. der Bibliothèque nationale de France stammen und neue Erkenntnisse liefern.

Melos

Melos, ein in den Jahren 1950/51 für den Prix Biarritz komponiertes Ballett, ist die Synthese der musikalischen Denkweise, die sich Barraqué im Laufe der Jahre 1948–1951 durch die Lektüre der Werke von René Leibowitz und das Studium bei Jean Langlais und anschließend bei Olivier Messiaen angeeignet hatte. Darin finden sich – veredelt durch hier erstmals verwendete spezifische Orchesterklänge – Barraqués Lied Les nuages s’entassent sur les nuages auf ein Gedicht von Tagore, seine Kantate La nature s’est prise aux filets de ta vie auf ein Gedicht von Paul Éluard sowie sein Streichquartett wieder. Das Szenario – eine herrlich antiquierte Handlung von Marie-Laure de Noailles (1902–1970) – hebt sich deutlich von den schwermütigen Tönen der in denselben Jahren komponierten Klaviersonate ab; sie atmet den Duft der Pariser Salons, in denen Jean Cocteau, Man Ray, Luis Buñuel, Jacques Lacan oder auch Francis Poulenc verkehrten. Letzterer war, gemeinsam mit anderen Größen des Musiklebens, Jurymitglied des Prix Biarritz. Laut Barraqué geht es darin um „die Bestrebungen eines jungen Mannes, der unsicher ist, welcher Kunst er sich widmen soll, und der sich dann für seine erste Liebe, die Musik, entscheidet“. 

Das Ballett besteht aus sieben Abschnitten oder „morceaux“, wie Barraqué sie nennt: Prélude / I. Rêverie et danse du jeune homme / II. Entrée de la promeneuse Poésie (pas de deux) / III. Entrée du promeneur Peinture (pas de trois) / IV. Jalousie du jeune homme (pas seul) / V. Entrée de la promeneuse Sculpture, puis double pas de deux (en canon) / VI. Entrée du promeneur Architecture (fugue) / VII. Final: 1. Introduction, 2. Entrée et chant de Mélodie, 3. Danse du jeune homme et de Mélodie (Rondo), 4. Final. 

Nach einem elaborierten Prélude in der Form ABA, das einige grundlegende Linien des Werks einführt, hebt sich der Vorhang, und ein Jüngling bringt „seinen Stolz, seine Unentschlossenheit, seine Hoffnungen“ zum Ausdruck. In der Musik wechseln sich Schlagwerk, kurze serielle Figuren und eine eindringliche Linie der Oboe ab. Mit einem Unisono-Ostinato der Streicher col legno tritt die Poesie auf. Über dem stetig dichter werdenden Orchestersatz erhebt sich ein Flötensolo. Die Flöte und ein Horn führen, recht eigenständig, in eine Steigerung, bevor das Englischhorn zart und traurig die Melancholie des Jünglings wiedergibt, dessen Blick in die Wellen vertieft ist. Dann folgt der Auftritt der Malkunst, begleitet von einer äußerst dichten Polyphonie (erst zu drei, dann aufsteigend auf sieben und wieder zurück auf drei Stimmen). Verstärkt scheinen hier die Elemente der raschen Sätze des kurz zuvor entstandenen Streichquartetts Eingang gefunden zu haben. Die Eifersucht des jungen Mannes, der von der, nunmehr für die Malkunst Modell stehenden Poesie verlassen wurde, spiegelt sich in einem heftig bewegten, mit vielen Oktaven durchsetzten und in Blöcken orchestrierten Abschnitt wider, der in einem spektakulären „fff“ und einer Coda gipfelt. Darauf entwickelt sich mit dem majestätischen Erscheinen der allegorischen Gestalt der Bildhauerkunst eine serielle Polyphonie, in der sich Melodien, Harmonien und Kanons über einer Reihe schichten, deren Grundformen nicht transponiert werden. Mit dem Auftritt der Baukunst setzt passenderweise eine Fuge ein, dreistimmig und mit einem Staccato-Thema, einer Exposition, einem Zwischenspiel, einer Kontraexposition und einer Stretta. 

Im Finale findet die Apotheose der Musik statt: Die Einleitung ist eine Art Duo für Klavier und Celesta, mit einigen Einwürfen des Orchesters und der erwähnten obsessiven Linie aus dem ersten Satz im Fagott, die dann im Englischhorn zu einem Wiegenlied der personifizierten Melodie für den schlummernden Jüngling wird, deren Partie mit folgenden Versen versehen ist: „Connais-tu le pays / Où fleurit l’adagio ? Où la fugue mûrit / sur les noires clefs de sol ? / Reconnais-tu l’abeille / Mourante sous nos archets ? / Le son du cor sommeille / Au fond de nos vergers“ („Kennst du das Land, / Wo das Adagio blüht? Wo die Fuge reift / bei den schwarzen Violinschlüsseln? / Erkennst du die Biene, / Sterbend unter unseren Bögen? / Der Klang des Horns schlummert / Am Ende des Obstgartens“). Ein frenetischer Tanz des Jünglings und der Melodie führt sodann ins Finale, wo in einem Hochzeitsmarsch die Elemente der vorangegangenen Sätze höchst virtuos übereinandergelegt werden. Eine Einschiffung nach Kythera dreier Paare: der Jüngling und die Melodie, Poesie und Malerei, Bildhauerkunst und Architektur.


Musique de scène

In den Jahren 1958/59 – die Klaviersonate ist vollendet, ebenso Séquence, eine Étude für Elektronik auf Gedichte von Nietzsche, sowie (noch nicht instrumentiert) Le Temps restitué – komponierte Barraqué für eine Aufführung des Regisseurs und Theoretikers Jacques Polieri eine Musique de scène zu kurzen Stücken von Jean Thibaudeau. An der Schauspielmusik sollten mehrere Maler, unter ihnen Sonia Delaunay und Jean-Michel Atlan, beteiligt sein, die „die Musik in Bilder umsetzen“, aber auch die Mitarbeit von Maurice Béjart wurde in Erwägung gezogen. Mit Jacques Polieri (1928–2011) hatte Barraqué gerade an dem Projekt einer szenischen Komposition mit dem Titel Sonorité jaune (nach Wassily Kandinsky) gearbeitet, für die bereits seit 1957 einige Skizzen vorlagen. Jean Thibaudeau (1935–2013) war Romanautor, Essayist, Dramatiker und Übersetzer von Calvino, Cortázar und Sanguineti; er arbeitete außerdem als Redakteur für die angesehene Zeitschrift Tel Quel. Mit seinen Romanen befand er sich in der Nähe des Nouveau Roman. Die sieben kurzen Stücke entstanden in der zweiten Hälfte der 1950er Jahre; sie wurden von Barraqué zurückgehalten und blieben unveröffentlicht: La ChambreInvitation au voyageÉchelle visuelleComédie intriganteLe Voyage und Le Regard

Das Werk wurde dann unter dem Titel … au-delà du hasard neu geschrieben und stark erweitert. Es sieht Sprechstimmen und Instrumentalensemble vor und ist von der rein linearen Dramaturgie von Melos weit entfernt. Zum ersten Mal wendet Barraqué seine Technik der „proliferierenden Reihen“ an. Es wechseln sich mehr oder weniger kurze Abschnitte miteinander ab, die wie "Scherben" oder "Bruchstücke" anmuten und die in …au-delà du hasard zu einem Mosaik wurden. So besteht La Chambre nur in einem einzigen Abschnitt von fünf Takten. Comédie intrigante ist in zwölf Abschnitte zu zwei bis elf Takten aufgeteilt, während Le Voyage und Le Regard größere Entwicklungen – und Barraqués unvermittelt heftige Lyrik – zeigen.Mit Melos und Musique de scène gewinnen wir zwei Werke, die für die Bühne gedacht waren und weit von Hermann Brochs Welt entfernt liegen, aus dessen Werk Barraqué für seine vollendeten Kompositionen fast ausschließlich schöpfte. Genannt sei insbesondere das Opernprojekt L’Homme couché, von dem leider nur Textskizzen existieren: Vergil wartet auf den Tod, denkt über die Kindheit nach, über Liebe, Rache, radikalen Aufstand, Unterwerfung, Talent und wie man es annimmt, Strenge, Einsamkeit, Genie, tödliche Krankheit, Heiligkeit und den Umgang mit sich selbst.