01.12.2014 15:34

Die Oper „Quai Ouest“ von Régis Campo für Straßburg und Nürnberg

Bernard-Marie Koltès berühmtes Theaterstück Quai Ouest wird zum Sujet einer Oper von Régis Campo, ein Verfolgungsspiel an einem Hafenbecken New Yorks. 

Nach der Uraufführung beim Festival „Musica“ in Straßburg erfährt Quai Ouest am 17. Januar 2015 seine deutsche Erstaufführung am Staatstheater Nürnberg in einer deutschen Übersetzung, die Carolyn Sittig nach einer Übersetzung von Simon Werle verfasste. Die Nürnberger Produktion wird von Kristian Frédric inszeniert, die musikalische Leitung hat Marcus R. Bosch.

Es ist nicht das erste Mal, dass Régis Campo eine Oper schreibt, und es ist für ihn auch nicht die erste Vertonung eines Textes von unheimlicher Anmutung. Der 1968 in Marseille geborene Komponist legte sich mit Orfeo, Nonsense Opera in der Tat schon im Jahr 2000 erstmals mit der Opernszene an. Seither hat er immer wieder für Singstimme geschrieben: Happy Birthday und Le Bestiaire für Dame Felicity Lott, Music to hear, Les Cris de Marseille usw. Vor allem aber hat er 2008, also mit genau vierzig Jahren, sehr erfolgreich Les quatre jumelles von Copi in eine flotte, verrückte, kontrapunktische und sängerisch berauschende Kammeroper umgesetzt. Und eben auf diesen Erfolg geht der Auftrag für eine große Oper zurück.

Bernard-Marie Koltès gehört zu den am höchsten geachteten französischen Theaterautoren der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, und dies auch in Deutschland, wo seine Werke in der Übersetzung von Simon Werle Verbreitung fanden. 1948 in Metz geboren, begann Koltès 1970 für das Theater zu schreiben. Von seinen Werken seien Le Retour au désert (1988), Les Amertumes (1970) und Roberto Zucco (1988) genannt. Quai Ouest wurde 1985 am Amsterdamer Publiks Theater uraufgeführt. Die erste Aufführung in Frankreich erfolgte im April 1986 im Théâtre des Amandiers in Nanterre in einer Inszenierung von Patrice Chéreau. Ort des Geschehens ist eine Industriebrache in New York mit einem nutzlos gewordenen, eingezäunten Schuppen, der dann 1984 auf Beschluss des New Yorker Bürgermeisters abgerissen wurde.

Worum geht es? Ein ehrbarer Mann hat Geld veruntreut. Nun steht er nachts mit seiner Sekretärin am Hafenbecken, um sich das Leben zu nehmen. Der Hafen am Rande einer heruntergekommenen Stadt ist von der Welt abgeschnitten. Hier treffen sich Gestrandete der Gesellschaft: Die Familie der alten Cécile, die sich als einzige Zivilisierte in der Wildnis sieht, der junge Mann Fak, der mit Céciles Tochter Claire verabredet ist, und ein Namenloser, der manchmal Abad genannt wird. Abgetrennt von der Welt beginnt am Hafen ein Spiel: Wer folgt wem? Wer führt wen?

Von der Oper Quai Ouest gibt es zwei Fassungen, eine französische und eine deutsche, entsprechend dem Auftrag, der in deutsch-französischer Zusammenarbeit zwischen der Opéra National du Rhin in Straßburg und dem Staatstheater Nürnberg vergeben wurde. Drei Personen trugen zur Entstehung der Texte bei: Die französische Version stammt von Kristian Frédric, dem Regisseur der Produktion, und von Florence Doublet; Carolyn Sittig verfasste den deutschen Text nach der Übersetzung von Simon Werle. Dem Publikum auf den beiden Seiten des Rheins wird nicht nur eine Oper in der jeweiligen Sprache geboten, sondern es fand auch eine tief gehende, wirkliche Bearbeitung des Ausgangstextes statt. 

Régis Campo setzt in Quai Ouest, das er seinem Vater widmete, verschiedene Kompositionstechniken ein, die er selber unter dem Begriff „kinematografisch“ zusammenfasst. Seine Klangsprache lässt sich jedoch nicht auf den Begriff „Filmmusik“ festlegen; es ging Campo vielmehr darum, die überreiche Vorstellungswelt von Koltès musikalisch nachzuvollziehen. Die Musik einer Oper übernimmt gewöhnlich all das, was auf der Bühne nicht gesagt und nicht gezeigt und durch Worte und Regie nur angedeutet wird.

Régis Campo und seine Textdichter haben ihr Werk in dreißig Abschnitte gegliedert. Viele davon sind „Accompagnato-Rezitative“, wobei die Grenze zwischen Rezitativ und Arie verwischt wird. Die Chöre kommen nur selten zum Einsatz, dafür aber in den entscheidenden Momenten. Der Komponist zollt der Operntradition Respekt, gleichzeitig weist seine Partitur zahlreiche Einzelheiten auf, die sich von ihr distanzieren, wie zum Beispiel der Einsatz von orchestriertem Lärm: die Geräuschkulisse der Stadt und der Uferstraße, eine Art zeitgenössischer „Naturlaut“.             

Benoît Walther

(aus [t]akte 2/2014)