13.05.2015 16:22

Deutsche Erstaufführung von Kreneks „Kehraus um St. Stephan“

1930 schrieb Ernst Krenek seine Oper Kehraus um St. Stephan, in der er ein schonungsloses Panorama der Zeit und ihrer Menschen skizzierte, in „Karl-Kraus-Manier“, wie er später beschrieb. Das Stück wurde angenommen, dann wieder abgelehnt und schließlich erst 1990 uraufgeführt. Die „Satire mit Musik“ nach einem eigenen Libretto ist eine späte Zeitoper und zeigt ein gesellschaftliches Panoptikum aus den Jahren nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg, als die Chance zu einer Revolution verspielt war, die wirtschaftliche Not und die politische Unsicherheit sich verheerend auswirkten und sich eine Gesellschaft der Schieber und Nachkriegsgewinnler entwickelte. Am Stadttheater Gießen erlebt das Werk am 16. Mai 2015 seine deutsche Erstaufführung, die musikalische Leitung hat Florian Ziemen, es inszeniert Hans Hollmann.

Die Weltwirtschaftskrise hatte bereits die „Roaring Twenties“ überschattet, als sich Ernst Krenek 1930 in die Tiroler Berge zurückzog, um das Textbuch und die Musik seiner Satire Kehraus um St. Stephan zu schreiben. Nach dem Welterfolg von Jonny spielt auf hatte die Oper Leipzig ein neues Werk bei ihm bestellt, doch zuckte man angesichts der brisanten Thematik zurück – auch scheute man den absehbaren Konflikt mit den erstarkenden politischen Extremisten – und lehnte dort und anderswo diese Oper ab.

Worum geht es hier? Während die Musik das gesamte Rüstzeug der Romantik wiederherstellt, gebrochen durch locker organisierte Tonalität mit kalkulierten Störungen, parodistischen Verfremdungen und Zwölftonfolgen, rechnet das Libretto mit den lokalen Zuständen nach dem Ersten Weltkrieg im geschrumpften Österreich scharf ab, aber auch mit der Haltung Deutschlands gegenüber der jungen Nachbarrepublik. Die Krise bildet das eigentliche Sujet und einen vorwärtstreibenden Faktor der dichtgedrängten Opernhandlung. Da posaunt beispielsweise der feiste, alkoholisierte Deutsche mit bezeichnendem Namen „Herr Kabulke aus Berlin“ beim Heurigenabend seine wahre Gesinnung heraus: „Und was die Politik betrifft, so hau’n wa erst mal die Polen zusamm’, der Korridor muß weg! Und dann wollen wir siegreich Frankreich schlagen! … Und dann ma’schiern wa nach Russland und machen Schluß mit dem Bolschewismus.“ Man schaudert …

Die umjubelte späte Uraufführung am 6. Dezember 1990 im Wiener Etablissement Ronacher konnte Krenek noch erleben. Einige Jahre vorher beschrieb er in einem Gespräch sein lang zurückliegendes Werk: „Es war in Karl-Kraus-Manier, gegen die Nazis, gegen die Juden, gegen alle.“ „Herr Kabulke“ hieß ursprünglich „Herr Goldstein“; Krenek hatte dies auf allen Manuskriptseiten sorgfältig korrigiert: Die eskalierende Judenverfolgung hatte den ursprünglichen Namen unmöglich gemacht. Krenek verabscheute den Antisemitismus. Außerdem dokumentiert diese Änderung seine Sensibilität gegenüber den Grenzen der Satire.

Michael Töpel(aus [t]akte 1/2015)