24.05.2017 12:59

Blühen und Wuchern: Philipp Maintz’ „hängende gärten“ in Berlin

„Genau dieses Bild passte für mich am besten zum Gedanken dieses Orchesterstückes“, sagt der Komponist: „einerseits als eine Anlage, in der man Pflanzen setzen, begärtnern, pflegen und wachsen sehen kann (ja, eigentlich ‚Musik aus Musik’ schreiben) – andererseits aber auch ein ‚Sehnsuchtsgarten’, in dem es schön blühen, aber auch wuchern soll.“ 

„… einerseits eine Anlage, in der man Pflanzen setzen, begärtnern, pflegen und wachsen sehen kann (ja, eigentlich ,Musik aus Musik‘ schreiben) – andererseits aber auch ein ,Sehnsuchtsgarten‘, in dem es schön blühen, aber auch wuchern soll …“

hängende gärten ist ein beziehungsreicher Titel für dein neues Orchesterstück. Wie ist er zu verstehen? 

Der Überlieferung nach hat der babylonische König Nebukadnezar II. die hängenden Gärten von Babylon für seine Frau Semiramis bauen lassen, die sich nach dem Tiefland von Babylonien und den Wäldern und Bergen ihrer Heimat gesehnt haben soll. Genau dieses Bild passte für mich am besten zum Gedanken dieses Orchesterstückes: einerseits als eine Anlage, in der man Pflanzen setzen, begärtnern, pflegen und wachsen sehen kann (ja, eigentlich „Musik aus Musik“ schreiben) – andererseits aber auch ein „Sehnsuchtsgarten“, in dem es schön blühen, aber auch wuchern soll. Und Christoph Eschenbach ist ein Meister orchestraler Balance und Farbigkeit, das habe ich ja hocherfreut schon bei seinem Dirigat meines tríptico vertical erlebt. Das Prinzip, Formbestandteile in verschiedenen, proportional zueinanderstehenden Tempi anzulegen, habe ich hier weitergeführt. Und ich habe diese Proportionalität fortentwickelt, indem ich diese Bestandteile mehr und mehr habe ineinander wachsen lassen:
Es bilden sich richtige Schlingpflanzen …


Nach Instrumentalkonzerten und Werken für Gesang und Orchester schreibst du nun erstmals wieder für reines Orchester – wie fließen deine Erfahrungen aus den letzten Stücken ein?

Vor allem habe ich mit Erstaunen festgestellt, dass ich mich zunächst neu orientieren musste: Bei einem Stück mit Solist gibt es einen klaren „Fokalpunkt“, um den herum man das Orchester austarieren sollte. Dieser entfällt hier. Andererseits haben mich diese „Konzerte“ doch auch klanglich sehr sensibilisiert, so dass ich nun mit den Orchesterfarben frei agieren kann, ohne Sorge haben zu müssen, dass sie dem Solisten die Show stehlen oder gegen ihn untergehen. Ein Ergebnis dieser Erfahrung ist insbesondere ein rhythmisch profilierter Umgang mit dem Material, ohne dass sich große „Farbseen“ bilden.


Ein neues Streichquartett ist entstanden - auch hier also eine "absolute" Gattung: Was erwartet den Hörer und Spieler, wie gehst du mit den vier Stimmen um? 

Ja, Streichquartett: vier Instrumente, vier Persönlichkeiten, vier Launen und Temperamente (musikalisch vier Materialien und Tempi), vier Richtungen, in die es gehen kann — manchmal gemeinsam, manchmal bleibt einer hinterher oder prescht vor, es bleibt immer Diskurs, schreitet mal voran und rollt noch einmal von hinten auf … Ich möchte die Komposition organisch verstanden wissen und schließlich, dass die vier am Ende auch ein großes singendes Instrument bilden ...